Die Zeit rennt

Ja, tatsaechlich. In Kanada scheinen die Uhren schneller zu ticken. Schon wieder sind viele Tage vergangen, genau vor sieben Wochen hatte ich meinen ersten Arbeitstag. Verrueckt, wenn ich mich daran zurueck erinnere. Alles neu und ungewohnt – mittlerweile ist es schon fast selbstverstaendlich fuer mich, in Toronto zu leben. Wenn ich jetzt gerade so dran denke, koennte ich mir auch gut vorstellen, laenger hier zu bleiben als die knapp 8 Monate. Ein Viertel ist schliesslich schon vorbei und es gibt noch so viel zu sehen und so viel zu tun.
Letztes Wochenende habe ich eine ganz wichtige Sache auf der Todo-Liste abgehakt, die man wohl gemacht haben muss, wenn man Kanada besucht. Zusammen mit einigen weiteren internationalen Studenten war ich beim (Ice-)Hockey-Spiel. Das war schon ziemlich cool, muss ich sagen! Die Spieler hier scheinen mir um einiges mehr “Einsatz” zu zeigen, als beispielsweise beim Fussball. Alles ist etwas schneller, weil hier staendig ausgewechselt werden kann. Und, das liegt wohl in der Natur der Sache, alles auch etwas rauer. Hier ist ein Schlagabtausch (ja, mit Fauesten und so) keine Seltenheit sondern eher die Regel. Allein in den zwei Stunden gab es 6-7 teils heftige Raufereien. Aber das wichtigste: Die Toronto Marlies haben haushoch gewonnen. 7:1 stand es am Ende gegen Hamilton.
Da wir zuerst keine wirklich guten Plaetze hatten, haben wir uns nach der ersten Pause einfach bessere Plaetze gesucht. Und sassen direkt neben zwei eingefleischten Fans, die die gegnerische Mannschaft dauerhaft lauthals nieder gemacht haben. Zum Glueck kenne ich noch nicht alle Schimpfwoerter, die die englische Sprache zu bieten hat :P. Aber ich bin mir sicher, die beiden kennen alle.
Nach dem tollen Spiel fuhren wir dann zur City Hall, um dort zur Cavalcade of Lights zu gehen. Das ist ein grosses Spektakel, um die Weihnachtszeit einzulaueten. Ich habe ja gedacht, wir in Deutschland sind schon zu frueh dran, was Weihnachten betrifft. Aber hier setzen sie einfach noch einen drauf – mehr als einen Monat vor Weihnachten wird schon die Weihnachtszeit eingelauetet. Jedenfalls gab es (zugegebenermassen ziemlich schlechte) Live Acts und danach ein dafuer umso besseres Feuerwerk. Nach Weihnachten ist mir noch gar nicht zu Mute. Erstens ist es viel zu frueh, zweitens fehlt der Schnee und drittens die Plaetzchen.
Heute war ich das erste mal ein klein wenig homesick (auf gut Deutsch: Ich hatte Heimweh; aber das hoert sich schrecklich an, oder?). Zweierlei Gruende: Erstens bekomme ich von Martin eine E-Mail mit einem Raetsel, wer gerade zwei Meter von ihm in der U-Bahn entfernt steht. Hint fuer alle Insider: Lange Beine und Spitzname faengt mit B an. Zweitens bekam ich meine ersten Postkarten, die nun mein Zimmer schmuecken. Marie und Christian, ich danke euch beiden! Das hat mich wirklich sehr gefreut. Ich hoffe, es werden nicht die einzigen bleiben. Und auch ich habe mir felsenfest vorgenommen, bald die ersten Karten zu verschicken. Seid gespannt. Hoffentlich zur Freude fuer euch ist auch endlich der Kartenleser angekommen. Die Bilder sind schon auf dem PC, ich werde sie morgen aussortieren und hochladen.
Zurueck zum letzten Wochenende. Aufgeheizt durch Ice hockey bin ich nach dem Lichtfestival mit den Aussies (Spitzname fuer Australier) in eine Bar gegangen, um dort UFC (Ultimate Fighting Championship) zu schauen. Da sind wohl alle Kanadier total verrueckt drauf. Kurzum eine Art Kampfsport mit nicht allzu vielen Regeln aber dafuer umso mehr Blut.
Am Sonntag gab es dann lecker Australian Roast Lamb! Hervorragend, sage ich euch.
Genauso hervorragend wie die Dinner Party am Mittwoch. Nach lecker selbstgemachter Pizza und einigen Bier sind wir in eine Bar getorkelt, um dort noch mehr Bier zu trinken. Ich muss sagen, dass das Bier hier zwar echt preisintensiv ist, die Auswahl dafuer aber riesig. Sowohl in Bars als auch im LCBO.
LCBO? Liquid Control Board of Ontario. Ich weiss nicht, ob ich es schon erwaehnt habe, aber hier kann man keinen Alkohol in Supermaerkten, Tankstellen oder sonstwo kaufen. Es gibt nur Beer Stores, Wine Rack und LCBO. In einem LCBO bekommt man dann alles moegliche an Alkohol. Letzte Woche war ich das erste mal in einem solchen Laden. Es ist verrueckt – wie ein Getraenkeladen aber eben nur Alkohol. Tatsaechlich hat es eine Wirkung: Man fuehlt sich ein bisschen wie ein Alkoholiker, wenn man den Laden betritt. Nachdem man ein ganzes Stueck gefahren ist, um zu dem Laden zu kommen. Aber dann fuehlt man sich im Alkohol-Paradies, es gibt einfach alles, was man sich vorstellen kann. Kanadisches Bier, US-Bier, belgisches Bier, niederlaendisches Bier, deutsches Bier, das gute Tiger aus Singapur und und und.
Den Donnerstag habe ich dann auch irgendwie ueberstanden – trotz Restalkohol im Blut. Nur Abends beim Training ging mir dann eher die Puste aus als gewohnt. Das Training hier ist wirklich gut – all die Schwarzgurte, einiges an Konditionstraining, viele Katas, Training mit Gewichten; nur das Sparring kommt zu kurz.
Achja, fast haette ich es vergessen, aber der obligatorische Teil darf natuerlich nicht fehlen. Meine Arbeit. Da geht es seit heute etwas drueber und drunter. Mein Chef hat eine E-Mail bekommen, dass er ueber den Fortschritt am Playbot, einem Hightech-Rollstuhl, berichten soll. Problem ist nur, dass seit Monaten, vielleicht Jahren niemand mehr daran gearbeitet hat und auch keiner Mehr im Lab ist, der das jemals gemacht hat. Nun sollen wir ihn schnellstmoeglich wieder zum Laufen bekommen, falls mal jemand vorbeischauen mag und sich den “Fortschritt” ansehen moechte. Wie immer bei solchen Sachen scheint es wohl um einen ganzen Batzen Geld zu gehen – ein kleiner Notfall also. Ich denke, damit werden wir die naechsten Wochen gut beschaeftigt sein. Ansonsten kenne ich mich im Sourcecode vom Searchbot, den bisherigen Roboter, mittlerweile relativ gut aus. Da ich fuer den neuen Roboter die Hinderniserkennung entwickeln soll, bin ich insbesondere den Teil durchgegangen und habe einiges vereinfacht, um mir eine Vorstellung zu geben, was dort eigentlich passiert.

So meine lieben Leser, das war eine weitere Episode in “Tobi’s life in Kanada”. Wie gesagt, bald lade ich die Bilder hoch – entweder hier oder bei Facebook. Nochmals vielen Dank an Marie und Christian :).